Donnerstag, 2. Januar 2020

Nachruf



Ich habe in meinem Leben viele tausend Seiten geschrieben.... als Journalist Reportagen, kleine Notizen zum Zeitgeschehen, Leitartikel und Berichte, haben tausende Zeugenaussagen niedergeschrieben und Lebenserinnerungen in Stichwörtern notiert. Später waren es Bücher, weitere tausende Seiten, zehn Jahre lang.

Aber ich habe nie gedacht, dass ich einmal das hier schreiben müsste....

Es war wie ein Blitz aus heiterem Himmel, der dich fassungslos werden läßt. Der Donner hallt übers Land und du realisierst nicht einmal, dass die Schallwellen dich bis ins Mark erschüttern. Weil dein Gehirn leer ist, die Gedanken weg gewischt, der Blick irgendwo hin geht, in eine Ferne, die wir nicht kennen, sondern fürchten, und du keine Ahnung hast, was du sagen sollst.

Die Email kam knapp nach Weihnachten. Ich hatte meiner Freundin Tanja und ihrer Familie zu den Feiertagen gratuliert, mit schlechtem Gewissen, weil ich mich schon wieder mal Monate nicht gemeldet hatte. Es kam keine Reaktion und ich dachte "Weihnachts-Stress", wie überall.
Doch dann, dann kam die Email, die ich nie vergessen werde. Sebastian, Tanjas Mann, antwortete auf meine Glückwünsche mit der Nachricht, dass Tanja am 17.Dezember verstorben war. Und mir zog es den Boden unter den Füssen weg...

Früher, viel früher, hatte ich Ihr das Versprechen abgenommen, mein nicht fertiggestelltes Buch fertig zu schreiben, sollte mir etwas passieren oder ich überraschend dem Fährmann begegnen, der uns alle über den Styx bringt...Don't pay the ferryman...Niemals im Leben hätte ich geglaubt, dass sie vor mir gehen würde, still und leise. In einem Alter, in dem andere über eine zweite, dritte oder vierte Karriere nachdenken, über das nächste Buch, den Urlaub mit den Kindern.

Aber nicht übers Sterben...

Tanja Frei kam aus Boston, wuchs am Bodensee auf und landete schließlich in München. Sie war eine Weltbürgerin, im Herzen und mit ihrem so wachen und kritischen Verstand. Als Lektorin und Programmleiterin bei LangenMüller war sie dafür verantwortlich, dass ich nicht nur zum Schreiben kam, sondern auch dabei blieb. Ihre legendäre Frage "Und wo sind die neuen Seiten?" begleitete mich die letzten zehn Jahre, auch als ich schon lange nicht mehr bei LangenMüller verlegte und sie trotzdem stets die erste war, die meine Seiten zum Lesen bekam. Weil Tanja eben Tanja war und sie immer die richtigen Worte an den wichtigen Stellen fand. Wie schwer das war, das habe ich begriffen, als Tanja selbst begann, Bücher zu schreiben. Nun bekam ich die ersten Seiten und - es tat mir immer wieder leid, wenn ich daran dachte - fand keine diplomatischen, wohl dosierten Worte in meiner direkten Art... Sie lachte nur, bedankte sich und schrieb alles um. Und es wurde ein begeisterndes Buch, für das ich ihr meinen Piloten John Finch gerne 'ausborgte'. Ich hoffe, sie hat mir meine Worte von damals lange vergeben.

Was macht am Ende einen Menschen aus? Was bleibt, wenn wir gehen? Die Erinnerung anderer? Die gute Nachrede? Es bleibt vor allem ein leerer Platz. Und wer den Nonsens "jeder Mensch ist ersetzbar" von sich gegeben hat, der soll in der Hölle schmoren. Nein, ist er nicht. Tanja wird immer einen Platz in meinem Herzen haben, mit ihrem ansteckenden Lächeln, ihrer unerschöpflichen Energie, ihrem Wissen und ihrer Weisheit. Sie ging niemals mit dem erhobenen Zeigefinger durchs Leben. Eher mit erhobenem Kopf, die Nase im Wind und den Blick auf den Horizont gerichtet.

Jetzt bleiben wir zurück und vielleicht sind die, die hier bleiben, die wirklich einsamen. Tanja ist weitergezogen und sollte sie herunterschauen auf uns, dann weiss ich, es ist ein nachsichtiger Blick, voller Wärme und jener Neugier, mit der sie durchs Leben ging. Ich kann nur hoffen, dass sie mir weiterhin über die Schulter schaut, meine Geschichten liest und mich immer wieder an die Tastatur zurückholt. Mit ihrem ----  "und wo sind die neuen Seiten?"   

Kommentare:

  1. Lieber Gerd, das tut mir sehr leid für dich.
    soeben dachte ich beim Stöbern im eigenen Blog auf die Einträge zu Finchs Abenteuern und dachte, schau doch mal nach, was es neues gibt.
    Ich wäre nämlich sehr gespannt auf Neuigkeiten.
    Viele Grüße
    Uwe

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  2. Danke, Uwe. Dafür, dass du vorbeigeschaut hast und für deine Worte und Gedanken. Es gibt tatsächlich Neuigkeiten, ab September wieder etwas zu lesen... und vielleicht schaffen wir ja eine Leserunde wie früher (auch wenn sich LovelyBooks verändert hat).
    Viele Grüße
    Gerd

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    1. Klar. Kann man dich hier oben im Norden noch erreichen? Wir wollten uns vor längerer Zeit mal treffen.
      Viele Grüße.

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  3. Laß mich mal das neue Buch fertig schreiben und das Corona-Virus weiterziehen und dann sehen wir uns bestimmt.
    Ganz liebe Grüße
    Gerd

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