Sonntag, 6. August 2017

Leseprobe 3 - Der Zerberus-Schlüssel



Mittwoch, 16. Juni 1971

Bar Chez Alice, Lucapa, im Tal des Luachimo/Angola


John Finch stieß die abgegriffene und schmutzstarrende Tür zu der windschiefen Baracke auf, nachdem er einen Blick auf das ziemlich hochtrabende Schild „Chez Alice“ geworfen hatte.
Oder besser gesagt auf das, was davon noch übrig war.
Das ‚z‘ war im Laufe der Jahre wohl von einem Sammler mitgenommen oder vom Wind verweht worden, ebenso wie das ‚ce‘ von Alice, was aus der Kneipe ein „Che Ali“ machte.
„Alice muss eine Verwandte von Che Guevara sein“, meinte John  zu Freddy Horneberg, seinem Copiloten, und kniff die Augen zusammen. Der Lärm, der ihnen entgegenschlug, war ohrenbetäubend, die Rauchschwaden im Inneren der Kaschemme gesundheitsgefährdend und Freddy musste prompt husten.
„Stell das Atmen ein“, riet der Holländer John, als er wieder sprechen konnte.
Wenn Alice jemals hier gewesen war, dann war sie seither entweder ausgewandert oder hatte sich stark verändert. Der bärtige, junge Mann mit den Rastalocken und dem Peace-T-Shirt, der hinter der Bar vergebens versuchte, Ordnung zu halten und die Zettel mit den Bestellungen seiner Gäste abzuarbeiten, konnte vielleicht noch Alices Sohn sein. Aber die beiden Typen, die mit grimmigem Gesicht Bierflaschen und Drinks an die Tische brachten und die leeren Gläser wieder einsammelten, hätten jeder halbwegs vernünftigen Alice nächtelange Albträume verschafft und sie schreiend das Weite suchen lassen.
„Alice lebt hier nicht mehr“, meinte Freddy, als hätte er die Gedanken Johns erraten. „Sie ist jetzt in einer geschlossenen Anstalt.“
„Da ist sie auch besser aufgehoben“, gab John trocken zurück und drängte sich durch Gruppen von diskutierenden und kampftrinkenden Männern in Jeans, T-Shirts und weiten Hemden in abenteuerlichen Farbkombinationen.
In einer Ecke brüllte ein Gettoblaster Brown sugar von den Rolling Stones ins Halbdunkel. Soweit John durch die Rauchschwaden sehen konnte, waren Freddy und er die beiden einzigen Weißen bei Alice.
„Tausend Jahre Gefängnis sehen dich an“, grinste Freddy. „Arlo Guthrie muss bei Alice‘s Restaurant auch eine andere Absteige vor Augen gehabt haben …“
„Der gute Hippie Arlo wäre hier nicht lebend rausgekommen“, stimmte ihm John zu und arbeitete sich drängend und schiebend bis zur Bar vor. Erstaunt sah der Rasta-Man die beiden Neuankömmlinge an, griff dann nach einem Joint und nahm einen tiefen Zug.
„Wenn du die rosa Ratten mit den blauen Punkten wieder verjagt hast, dann hätten wir gerne zwei Bier“, meldete Freddy die Getränke an. „In der Flasche, ich traue deinen Gläsern nicht.“
„Gläser … gibt’s … hier … nicht, gab’s noch nie“, stotterte der Junge und schüttelte die Locken.
„Nicht mal zu Alice’ Zeiten?“, wollte John wissen, doch Rasta-Man starrte ihn nur verständnislos an.
„Sie muss wohl schon länger weggezogen sein, die gute Alice“, warf Freddy ein, „oder Mister Unfrisiert hat sich sein Gehirn auch gleich mit durchgezogen. Nein!“ Er hielt den Jungen auf der anderen Seite der Bar davon ab, die Kronenkorken von den Flaschen springen zu lassen. „Nein, das mache ich lieber selbst. Holländische Hygienevorschrift für Expats.“
Damit nahm er ihm kurzerhand die beiden eiskalten Flaschen Mongozo–Bier aus der Hand und brachte sie in Sicherheit.
„Der bringt es fertig und treibt die Viren noch durch das Glas, so wie der aussieht“, brummte Freddy, drückte John ein Bier in die Hand und meinte: „Schau, trau niemandem hier.“
In diesem Moment trat einer der Schwerverbrecher, die hier als Kellner arbeiteten, zu Rasta-Locke und nickte in Richtung John und Freddy. „Probleme?“, knurrte er, aber der Junge schüttelte den Kopf. „Alles … alles k..k..klar.“
„Die kleine Kneipe am Ende der Straße hab ich mir immer heimeliger vorgestellt“, witzelte Freddy, nachdem er einen langen Blick über die Gäste der Kaschemme geworfen hatte. „Aber ich frage mich etwas ganz anderes …“
„Nämlich wo die bewaffneten Guerilleros geblieben sind?“, vollendete John den Satz. „Der Gedanke beschäftigt mich auch schon seit einiger Zeit. Gibt es hier ein Hinterzimmer? Wo man Karten spielt und die illegal geschürften Diamanten unbemerkt den Besitzer wechseln?“
Wie um die Frage zu beantworten, verschwand einer der Kellner nach kurzem Anklopfen mit einem Tablett voller Bierflaschen durch eine rot gestrichene Tür hinter der Bar.
„Entweder liegt dahinter das Büro von Alice und dann sollte sie aufhören, literweise Bier zu trinken, oder das Extrazimmer“, meinte Freddy. „Das mit den angetrunkenen Freiheitskämpfern. Brisante Kombination. Jetzt fehlen uns nur noch Schuhmann und unser Lohn, dann starten wir zurück in die Zivilisation. Und wer hätte gedacht, dass ich eines Tages das heiße, staubige, verwanzte und korrupte Kairo als zivilisiert bezeichnen würde?“
John beobachtete inzwischen verstohlen die etwa fünfzig Gäste der Kneipe. Er sah zwar keine Betrunkenen, aber auch keinen, der einen Softdrink in der Hand hielt. Dann flog die Tür auf und eine weitere Gruppe drängte herein, laut begrüßt von den Umstehenden.
„Die eine Hälfte wird von der Polizei gesucht und die andere ist aus dem lokalen Gefängnis ausgebrochen“, zog Freddy Bilanz. „Hat nur noch keiner bemerkt.“ Er gab dem Rasta-Man hinter der Bar das Zeichen, zwei weitere Flaschen Mongozo aus der Kühlung zu holen.
In diesem Moment wurde die Tür erneut aufgestoßen und Schuhmann betrat das Chez Alice, blickte sich rasch um, erkannte Finch und Hornemann an der Bar und drängte sich mühsam durch die Gruppen lautstark diskutierender Männer.
Freddy bestellte noch eine zusätzliche Flasche, während John Platz an der Theke für Schuhmann machte und gleichzeitig die rote Tür ins Hinterzimmer im Auge behielt.
„So richtig gemütlich hier“, begrüßte John den Deutschen. „Erinnert Sie das auch an Leipzig? Aber dort würde es wohl ‚Chez Clara‘ heißen, in Anlehnung an Clara Zetkin. Und vom Barkeeper bis zur Putzfrau wären alle Informanten der Stasi.“
„So eine Kaschemme wäre in Leipzig keinen Tag geöffnet, dann würde die Entlausungstruppe darüber herfallen“, erwiderte Schuhmann. „Aber wo viel Licht, da viel Schatten. Hier ist es unauffälliger, als am Flugzeug. Das beobachten die Guerilleros seit unserer Ankunft.“
„Das Hinterzimmer ist voll mit bewaffneten Freiheitskämpfern“, gab Freddy zu bedenken und wies auf die rote Tür.
„Die da pokern, saufen und sich mit ein paar Mädchen vergnügen“, meinte Schuhmann ruhig. „Wie an jedem Mittwoch. Und glauben Sie mir, da sind sie mir lieber, als im Hinterhalt im nächsten Wald.“ Er nahm einen langen Zug aus der Bierflasche. „Ah, das kann man ja fast trinken. Besser als dieses ägyptische Gebräu.“
Schuhmann griff in seine Tasche und legte einen kleinen Lederbeutel auf den Tisch. „Hier sind Ihre Diamanten, Mr. Finch. Inklusive einer Gefahrenzulage wegen des kurzfristigen Fluges und der provisorischen Piste.“
John warf einen Blick hinein und steckte den kleinen schwarzen Beutel dann zufrieden in seine Hosentasche. In diesem Moment flog die Tür des Hinterzimmers auf und drei Mann stürmten in den Gastraum.
„Das ist er!“, rief einer und zeigte auf Schuhmann, „ich habe selbst gesehen, wie er mit den Schürfern verhandelt hat!“ Die beiden anderen griffen sofort zu ihren Waffen. Mit einem Mal war es totenstill im Chez Alice.
Nur der Gettoblaster brummte die letzten Takte eines Reggea vor sich hin.
„Ist das wahr?“ Der Mann, der aus dem Zimmer kam und die anderen beiden zur Seite schob, war groß, breitschultrig, schwarz wie die Nacht und trug einen fleckigen Tarnanzug. In einer Hand hatte er seltsamerweise eine Reitgerte, die er in regelmäßigen Abständen auf seinen Schenkel schlug, während seine dunkelbraunen Augen über die Gäste irrten und schließlich auf den drei Weißen an der Bar hängen blieben.
„Unauffällig, ja?“, raunte John Schuhmann zu.
Freddy verdrehte die Augen. „Was für eine Scheiße!“, fluchte der Holländer.
„Welcher?“, erkundigte sich der Mann mit der Reitgerte nochmals, um sicherzugehen, und wieder zeigte der Finger auf Schuhmann.
Der große Schwarze, offenbar der Anführer der Freiheitskämpfer, schob sich an dem völlig erstarrten Rasta-Man vorbei und umrundete die Bar. Schließlich blieb er vor Schuhmann stehen, der mit einem Mal nicht mehr so selbstsicher aussah.
„Sie kaufen Diamanten? Ein gefährliches Geschäft in unsicheren Zeiten“, meinte der Guerilla und streckte die Hand aus. „Zeigen Sie mir, was Sie gekauft haben.“
Schuhmann zuckte mit den Schultern. „Ich bin im Auftrag meiner Regierung unterwegs. Und die Steine habe ich nicht mehr, sie waren als Bezahlung gedacht, für meine beiden Piloten.“ Er machte eine elegante Handbewegung in Richtung John.
„Ach“, Der Mann mit der Gerte sah John und Freddy mit neu erwachtem Interesse an, während John Finch den Ostdeutschen im Stillen verfluchte. „Dann kommen Sie doch mit ins Hinterzimmer, damit wir uns über einen angemessenen Anteil zur Befreiung Angolas einigen können. Sie haben ja auch unsere Landepiste benutzt …“
Damit schob er Freddy und John vor sich her in Richtung der roten Tür. John dachte fieberhaft nach, wie er die Bewaffneten loswerden konnte. Doch gerade, als er die Tür aufstoßen wollte, flog sie auf und einer der Söldner aus der De Havilland stand vor ihm, im Tarnanzug, mit geschwärztem Gesicht und bis an die Zähne bewaffnet. Sein Sturmgewehr zielte an John vorbei direkt auf den Kopf des Anführers der Freiheitskämpfer und der Lauf zitterte keinen Millimeter.
„Habe ich gerade Landepiste gehört?“, zischte der Mann mit dem kantigen Gesicht unfreundlich. „Diesen beschissenen Parkplatz am noch beschisseneren Arsch der Welt nennst du Piste? Wo hast du dein Pferd geparkt, Gertenschwinger? Es hat nämlich deinen Verstand mitgenommen.“
Er ruckte den Lauf des Sturmgewehrs nach oben.
„Hände hoch, wo ich sie sehen kann, sonst lass ich dich jede Bodenwelle deiner Landepiste eigenhändig ausbessern. Mr. Finch? Nehmen Sie Ihren Copiloten und verschwinden Sie zu Ihrem Flugzeug. Wir regeln das hier ein für alle Mal. Ich kann in den nächsten Tagen hier in Lucapa keine Störungen brauchen, weder von irgendwelchen marodierenden Freiheitsfuzzis, noch von schießwütigen eingeborenen Diamantensammlern. Nicht wahr?“
Der große Schwarze knurrte etwas zu seinen Leuten und ballte wütend die Fäuste.
Die Gäste des Chez Alice widmeten sich wieder ihren Drinks, der Lärmpegel stieg erneut und Jimmy Cliff röhrte sein Vietnam aus den Lautsprechern.
„Danke, ich schulde Ihnen etwas“, murmelte John im Vorübergehen. Die übrigen Söldner hielten die kleine Gruppe der Freiheitskämpfer im Extrazimmer in Schach, die mit einem Mal ziemlich nüchtern und eingeschüchtert aussahen. Drei verängstigte Frauen drängten sich um einen Tisch und hatten ihre Hände flach auf der zerkratzten Tischplatte liegen.
„Der Hinterausgang ist da drüben“, deutete einer der Söldner nach rechts und nickte John zu, während seine Maschinenpistole einen weiten Halbkreis beschrieb.
„Das war knapp“, schnaufte Freddy, als er neben John auf die De Havilland zulief. „Chez Alice wird nicht zu meiner Stammkneipe, kann mir eher gestohlen bleiben. Wenn ich die Typen hier niemals wiedersehe, dann ist das früh genug. Und dieser Schuhmann ist eine fiese, ostdeutsche Ratte.“
„In Afrika läuft man sich immer zwei Mal über den Weg“, entgegnete John bitter. „Mindestens. Und das nächste Mal kommt er nicht so billig davon.“
Als sie fast an der Maschine angelangt waren, löste sich eine Person aus dem Schatten des Fahrwerks. Es war Charles, der schmale, farblose Typ aus Schottland, der irgendwie bei Schuhmann und in diesem Flugzeug nach Angola gelandet war.
„Wollen Sie wieder weg hier?“, rief ihm Freddy entgegen. „Kann ich Ihnen nicht verdenken. Der nächste Flug aus der Depression geht in wenigen Minuten.“
Doch der Mann schüttelte nur den Kopf und so zuckte Freddy gleichmütig mit den Schultern und verschwand rasch im Cockpit, um mit den Startvorbereitungen zu beginnen.
Als John zu ihm trat, zog der Mann einen flachen Umschlag aus seinem Hemd, den er zusätzlich zum Schutz in Leder eingewickelt hatte.
„Ich möchte Sie bitten, das für mich nach Kairo zurück zu bringen und aufzubewahren. Es ist bei Ihnen in besseren Händen, als bei mir. Wer weiß, ob ich jemals aus Angola wieder zurückkomme.“
„Und was soll ich damit machen, wenn Sie es nicht mehr hier herausschaffen?“, wollte John wissen.
„Dann öffnen sie das Päckchen und lesen die Papiere“, meinte Charles leise und seine Augen blitzten. „Es sind wichtige Forschungsergebnisse, nennen sie den Umschlag meine Rückversicherung. Am Ende liegt es an Ihnen zu entscheiden, was Sie damit machen wollen.“
Der erste Propeller begann sich zu drehen , der erste Motor sprang an und John wollte keine wertvolle Zeit mit Diskussionen verlieren. Er steckte den Umschlag ein, nickte, schüttelte dem seltsamen Mann aus Schottland mit den Worten „Bis irgendwann!“ die Hand und kletterte in die De Havilland. Dann schloss er die Tür.
Wenige Minuten später hatten John und Freddy die viermotorige Maschine so nahe an den Waldrand manövriert, dass das Leitwerk bereits von den Baumstämmen eingerahmt wurde.
„Wir verschenken keinen Zentimeter“, stellte John fest. „Und jetzt Vollgas, Hebel nach vorn und ready for Take-off!“
Die De Havilland zitterte wie ein Rennpferd am Start, als die Motoren aufheulten, Freddy die Bremsen löste und die Maschine sich in Bewegung setzte. Alles erschien beiden Piloten wie in Zeitlupe, viel zu langsam – das Anrollen, die Beschleunigung, das Aufbrummen der Propeller, die Gasannahme der Motoren, das Vorüberziehen der Landschaft.
Dafür schien der Abgrund mit dem Fluss immer schneller näher zu kommen.
„Das wird knapp“, stellte Freddy mit einem skeptischen Gesichtsausdruck fest. „Ein passender Aufwind wäre jetzt ein wahrer Segen.“
„Oder ein Nachbrenner wie bei Düsenjets.“ Johns Hand lag locker auf dem Steuerrad der Passagiermaschine aus den fünfziger Jahren. „Wir warten bis zum letzten Moment, bis wir sie in die Luft bringen …“
„ …sonst fällt sie runter wie ein Stein“, nickte Freddy.
„Gute Idee, lassen wir sie fallen“, meinte John und beobachtete den Rand des Abgrunds, der rasch näher kam. „Wir gewinnen vielleicht dreißig Meter Höhe und ein wenig Geschwindigkeit.“
„Diesmal können wir jeden Knoten brauchen“, ergänzte Freddy und schätzte den verbleibenden Rest Piste.
Achtzig Meter vielleicht?
Zu wenig, viel zu wenig.
„Bei welcher Geschwindigkeit hebt diese lahme Ente ab?“, wollte er wissen.
„Wenn die Räder den Boden verlassen.“ John grinste. „Wir sind leichter und haben ein wenig Gegenwind. Drück einfach die Daumen.“
„Die sind schon ganz taub.“ Freddy lehnte sich zur Seite, um besser zu sehen. Dann zählte er herunter: „Noch zwanzig Meter, fünfzehn, zehn, take off!“
Die De Havilland rodelte über die Kante des Abgrunds wie eine schwerfällige gemästete Gans, nahm die Nase nach unten und als John das Höhenruder zog, drohte sie abzuschmieren. Also ließ er dem Flugzeug noch ein wenig Raum, spürte, wie es sich fing, wie die Luft zu tragen begann.
„John!“ Freddy zeigte auf die bedrohlich näher kommende Wasseroberfläche des Luachimo.
In diesem Moment legte John die De Havilland sanft auf die Seite, zog sie in eine Linkskurve. Der Luftwirbel an der linken Flügelspitze, die fast in die Wellen tauchte, ließ das braune Flusswasser aufspritzen.
Aber die alte Dame blieb in der Luft.
Behutsam fing John die Maschine ab, legte sie gerade und zog sie langsam höher, immer weiter aus dem Flusstal heraus.
„Pfff …!“, machte Freddy und schüttelte verwundert den Kopf, „Hut ab, das macht dir so schnell keiner nach. Ich muss noch viel lernen.“

Leseprobe 2 - Der Zerberus-Schlüssel



Donnerstag, 2. Juni 2016

Glenfinnan, Loch Shiel, Schottisches Hochland


Der breitschultrige, ältere Mann, der auf der frisch gestrichenen, langen weißen Bank an der Hauswand saß, an seinem Tee schnupperte und in die Morgensonne blinzelte, hatte militärisch kurz geschnittene weiß-graue Haare und ein kantiges Gesicht. Seine eisgrauen Augen schauten etwas skeptisch und verschlafen in den neuen Tag, der laut Wetterbericht sonnig und klar werden sollte. Noch lagen einige dünne Nebelschwaden über dem See wie ein dünner Schleier, der sich im Sonnenlicht auflösen würde.
Der Ausblick auf die dunkelblauen Wellen des Loch Shiel, auf die grünen, mit Heidekraut und Buschwerk bedeckten Berge, den hohen Himmel mit den schnell ziehenden Wolken und die damit verbundenen ständig wechselnden Lichtstimmungen, faszinierten den Mann stets aufs Neue.
Seit er vor wenigen Monaten in das kleine, niedrige Haus aus dunklen Granitsteinen in der Mitte von Nirgendwo gezogen war, hatte er sich hier noch keine Sekunde gelangweilt.
Obwohl hier ganz eindeutig das Ende der Welt war, wie er sich selbst jeden Abend eingestand, wenn er vor dem Schlafengehen einen letzten Blick auf das weite Tal warf. Dann löschte er das Licht, lauschte dem Wind, der vom Wasser herauf kam und der Geschichten und Legenden vom nahen Atlantik mitbrachte.
Glenfinnan war ein kleiner Ort, selbst für schottische Verhältnisse. Ein Dutzend Häuser, die sich zwischen Steinmauern und vom Wind gepeitschten Baumgruppen duckten und etwas planlos in der Wildnis des Schottischen Hochlands verstreut lagen. Doch allen war eines gemeinsam – der atemberaubende Blick auf Loch Shiel, dem achtundzwanzig Kilometer langen tiefblauen See, malerisch eingerahmt von grünen Bergen.
Hier kannte jeder der hundert Einwohner jeden - und das seit Generationen. Die Jugend der Gegend, eine Handvoll Halbwüchsiger, die gemeinsam aufgewachsen waren und in die gleiche, zwanzig Kilometer entfernte Schule gingen, traf sich regelmäßig vor dem Postamt, dem sozialen Hotspot Glenfinnans, das zugleich auch Tante-Emma-Laden und Nachrichtenbörse war.
Mehr städtisches Leben konnte man in Glenfinnan nicht erwarten, beim besten Willen nicht. Der Ort hatte zwar sogar eine Webseite am Internet, auf der jedoch unter der Rubrik Latest News & Events lakonisch „none found“ stand.
Und das seit Jahren unverändert.
Zwei kleine Bed & Breakfast, die sich etwas hochtrabend „Landhotels“ nannten, teilten sich die Zahl der Durchreisenden, die meist wegen der unverfälschten Natur und der wilden Landschaft in das schottische Hochland kamen. Ben Nevis, der höchste Berg Schottlands, lag nicht weit entfernt, und so zog der als einsam und menschenfeindlich bekannte Landstrich jedes Jahr ein paar stadtmüde Erholungssuchende mehr an.
Doch alles mit Maß und Ziel: Die Landesstraße A830, an der Glenfinnan lag, war im Norden eine Sackgasse. Dreißig Kilometer weiter, nachdem sie sich durch Orte wie Druimindarroch, Lochailort oder Portnaluchaig gewunden hatte, stürzte sie sich bei Mallaig erschöpft in den Atlantik.
Der Mann auf der Bank musste bei dem Gedanken grinsen und leerte genüsslich seinen Becher mit Orange Pekoe Tea. Das dunkelgraue Haus, an dessen Steinwand er saß, machte den Eindruck, als ziehe es sich das moosbedeckte Dach wie eine schützende Mütze über den Kopf. Das verfallene Anwesen, Slatach House, zu dem es früher gehört hatte, lag nur einen Steinwurf entfernt. Manchmal verirrte sich ein Wanderer hierher, angelockt durch die Ruinen des alten Herrenhauses, aus denen die Bäume und Sträucher wuchsen. Meist kamen aber nur Schafe vorbei, die wieder einmal durch ein Loch im Zaun entkommen waren, auf der Suche nach noch saftigeren Gräsern.
Das alles war Major Llewellyn Thomas, dem neu zugezogenen, nur Recht. Noch verspürte er nicht das geringste Heimweh nach seiner Wohnung im Herzen Londons, vermisste nicht eine Sekunde lang seinem ehemaligen Chef Peter Compton, den alten Fuchs mit seinen Geheimdienst-Intrigen, seinem weltweiten Netzwerk und seiner ständigen Sorge um das Britische Empire.
Ein Motor brummte auf der schmalen Zufahrtsstraße und riss Llewellyn aus seinen Gedanken. Er wandte seine Aufmerksamkeit dem kleinen gelben Bus zu, auf dem riesige rote Lettern für „Sexy Kilt Country Tours“ Werbung machten. Andrew, Fremdenführer, Busfahrer und Postbote in Personalunion, betrieb nebenbei ein kleines Ausflugsunternehmen für Touristen zu den nahegelegenen Whisky-Brennereien und den schönsten Aussichtspunkten auf der Stecke.
Was es allerdings mit dem Sexy Kilt auf sich hatte, das hatte Llewellyn in den vergangenen Wochen nicht herausfinden können. Andrew selbst trug meist Cordhosen und Pullover.
 Der junge Mann bremste den betagten Bedford-Bus genau vor Llewellyns Bank ab und die Türen öffneten sich mit einem etwas erschöpft klingenden Zischen.
„Guten Morgen, Major!“, winkte Andrew gut aufgelegt und sein roter Haarschopf leuchtete frisch gewaschen. „Bin heute etwas früher dran, aber ich muss gleich eine große Gruppe nach Loch Eil und zur Ben Nevis Destillery bringen.“
„Groß?“, erkundigte sich Llewellyn stirnrunzelnd.
Andrew zuckte mit den Schultern, während er in dem Postsack neben seinem Fahrersitz kramte. „Na ja, acht Leute“, murmelte er fast entschuldigend. „Aber sie wollen meinen Bus bis heute Abend mieten. Abendessen in Mallaig, dann nehmen sie die Fähre nach Armadale.“
„Whisky-Tours?“, stieß Llewellyn nach und Andrew nickte grinsend.
„Sind die besten Gäste“, stellte der Postbote fest und fuhr sich durch den Schwall roter Haare. „Kommen hierher, lassen Geld da, trinken gern und singen danach noch lieber. Harmlos und vor allem: Keiner beschwert sich am Ende der Tour.“ Er lachte fröhlich und zog zwei Poststücke aus dem grauen Sack, dann sprang er aus dem Bus. „Heute habe ich nur den Guardian und ein Päckchen für Sie.“ Andrew reichte Llewellyn die Zeitung und ein etwas abgewetzt aussehendes, längliches Paket. „Keine Unterschrift. Ich muss weiter!“, verkündete er hektisch und bestieg wieder seinen Bus.
„Moment!“
Die Stimme des Majors ließ Andrew zusammenzucken.
„Das ist nicht für mich.“ Llewellyn hielt das Päckchen hoch und sah Andrew forschend an. „Ich heiße noch immer nicht Charles R. Parker und ich kenne auch niemanden, der so heißt!“
„Aber die Adresse stimmt!“, gab Andrew fast trotzig zurück.
Der Major warf einen zweiten Blick auf das kleine Paket. Tatsächlich stand da seine Adresse in Glenfinnan … Slatach House … Aber Parker?
„Vielleicht ist dieser Charles Parker umgezogen?“, gab Llewellyn zu bedenken. „Du kennst doch alle hier. Klingelt’s nicht bei dem Namen?“
Andrew schüttelte energisch den Kopf. „Nie gehört. Ich dachte, vielleicht kennen Sie ihn. Müsste vielleicht meinen Vater fragen?“
Der Major runzelte die Stirn und betrachtete das Päckchen eingehender. Kein Absender, eine ganze Reihe von Briefmarken mit dem Porträt Elisabeths, mehrere verwischte Stempel. Es sah aus, als sei das Paket irgendwann nass geworden. Doch da, unter der letzten Reihe von Marken, war einer der Stempel noch klar und deutlich auf das Packpapier gedrückt.
„Andrew?“ Die Stimme Llewellyns verriet nichts Gutes und der junge Mann seufzte.
„Ich muss jetzt wirklich weiter, Major“, wandte er ein. „Meine Gäste warten.“
„Dieses Paket wurde bereits am 18. Juni 1969 in Hongkong aufgegeben“, meinte Llewellyn und setzte lakonisch hinzu: „Mir war nicht klar, dass die Königliche Post soo langsam ist.“
„Unmöglich“, murmelte Andrew erstaunt und stieg prompt wieder aus. „Das gibt es nicht …“
Der Major streckte ihm das Paket entgegen. „Sieh selbst. siebenundvierzig Jahre lang unterwegs von Hongkong nach Schottland, verschollen in den Untiefen der Postämter Ihrer Majestät.“
Andrew betrachtete die Stempel, drehte und wendete das Paket, kratzte sich ratlos am Kopf und zuckte schließlich die Schultern.
„Hiermit zugestellt an die richtige Adresse“, schloss er pragmatisch den Fall und zwinkerte Llewellyn zu, bevor er es ihm wieder in die Hand drückte. „Werfen Sie es weg, wenn Sie es nicht haben wollen. Charles Parker gibt es hier offenbar nicht mehr und wenn es ihn je gegeben hat, dann ist er bereits lange tot und wird das Päckchen nicht mehr vermissen. Und jetzt muss ich wirklich los. Bis morgen!“
Damit sprang Andrew in seinen Bedford, startete den Motor und wendete. Die Türen schlossen sich zischend und der gelbe Bus schaukelte durch die Buschreihen davon in Richtung A830.
„So kann man postalische Zustellungsprobleme natürlich auch lösen“, murmelte Llewellyn, während er nachdenklich auf das Päckchen aus der Vergangenheit blickte.
Charles R. Parker …
Für einen Moment überlegte der Major, das in braunes, fleckiges Packpapier eingeschlagene Paket unberührt zu lassen, es auf den niedrigen Speicher unterm Dach zu legen und dort einfach zu vergessen. Der Sommer war bisher überraschend warm gewesen und der geborene Waliser Llewellyn gedachte, auch weiterhin die kürzeste, aber auch schönste Jahreszeit Englands in aller Ruhe auf der weißen Bank vor seinem Haus zu genießen.
Diesen Sommer Jahr einmal ohne Stress, ohne Abenteuer, ohne Schießereien, dafür aber mit viel Whisky und Tee, Zeitschriften und Büchern.
Llewellyn, nach unzähligen Einsätzen für den britischen Geheimdienst MI5 und MI6 seit einigen Jahren im Unruhestand, wie er es nannte, hatte für das Empire immer wieder in der Krisengebieten der Welt die Kastanien aus dem Feuer geholt.
Und sich dabei oft genug die Finger verbrannt.
Nach den gefährlichen Einsätzen mit seinem Freund, dem Piloten John Finch in den vergangenen Jahren in Südamerika, Asien und Europa, plante der Major für diesen Sommer vor allem eines – die Füße hochzulegen und wenn möglich bis September keine Telefonate aus London anzunehmen.
Vor allem nicht von Peter Compton.
Neugierig wog Llewellyn das Päckchen in seiner Hand. Es war überraschend schwer.
Aus Hongkong?
Sicher eine Sammlung von lackierten Essstäbchen, dachte Llewellyn grinsend und betrachtete die Verschnürung genauer. Sie hatte die Odyssee von siebenundvierzig Jahren unbeschadet überstanden. Die Enden der Schnüre waren auf der Rückseite des Päckchens auf das Packpapier gesiegelt, mit rotem Siegellack. Der Major kippte das Päckchen im Sonnenlicht etwas. Waren das chinesische Buchstaben auf dem Siegel? Oder eine Krone und zwei gekreuzte Säbel?
Das Siegel jedenfalls war unversehrt.
Kurzentschlossen griff Llewellyn in seine Hosentasche und holte ein Messer heraus, klappte es auf und durchtrennte die Schnur. Unter dem Packpapier kam eine unscheinbare, braune Kartonschachtel zum Vorschein. Unbeschriftet, ohne jede Verzierung. Wer immer Charles Parker 1969 etwas nach Glenfinnan in die schottische Einsamkeit geschickt hatte, er hatte es nicht als Geschenk verpackt.
Der Deckel der Schachtel ließ sich nur schwer abziehen. Es war, als hielte jemand von innen dagegen, als wolle die Zeit ihr Geheimnis hüten und nicht preisgeben. Dann, mit einem Mal, löste sich der Deckel. Was immer der unbekannte Sender an Parker verschickt hatte, es war zusätzlich in einigen Seiten einer chinesischen Zeitung eingepackt worden, die inzwischen vergilbt waren. Vorsichtig schlug Llewellyn sie zurück. Zum Vorschein kam ein seltsam geformtes Messer mit kurzem Ebenholzgriff, das in einer aufwändig verzierten Lederscheide steckte. Der Major erkannte es sofort. Es war ein Khukuri, die traditionelle Waffe der Nepalesen, ein schwerer Dolch, der seit dem 15.Jahrhundert fast unverändert gefertigt wurde.
Vorsichtig zog Llewellyn das Messer aus der Scheide.
Die Klinge war fast zur Gänze mit einer rostbraunen Substanz bedeckt. Der Major sah näher hin, strich vorsichtig mit dem Finger drüber. Zuerst dachte er, es handle sich um Rost.
Doch das war es nicht.
Es war getrocknetes Blut.